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Vortrag Dr. Reinhard Erös

Hofheim „Warum fliehen Hunderttausende junge Menschen aus Afghanistan?“ Über diese Frage referierte Dr. Reinhard Erös auf Einladung von ÖDP Kreis Haßberge und Weltladen Haßfurt im Pfarrsaal von Hofheim. Dass das Thema auch im Landkreis Haßberge angekommen ist wurde nicht zuletzt dadurch deutlich, dass auch eine Reihe von jungen afghanischen Flüchtlingen unter den Zuhörern war. Dabei vermittelte Erös basierend auf einer Fülle von Informationen den zahlreichen Zuhörern ein wohl anderes Bild von Afghanistan, als es weitläufig vorherrscht.

Seit über 30 Jahren ist Erös eng mit dem Land Afghanistan verbunden und er verbringt heute noch etwa die Hälfte seiner Lebenszeit dort, zumeist als Berater und Gesprächspartner für Verantwortliche vor Ort. Er war zunächst von 1985 bis 1990 auf privater Basis, von der Bundeswehr beurlaubt, als Arzt dort und leistete dringend benötigte medizinische Versorgung. Ständig selbst auf der Flucht vor möglichen russischen Bedrohungen versorgte er in Höhlen in den Bergen Kranke und Verletzte.

Seit 40 Jahren gibt es in Afghanistan Fluchtbewegungen, doch neu ist, so Erös, dass die jetzt nach Europa kommen. Neu sei auch, dass im Vergleich zu früher fast nur junge Männer ihre Familien verlassen und fliehen. Wie bei heutigen Kriegen üblich, gibt es auch in Afghanistan die meisten Opfer unter der Zivilbevölkerung. Doch die meisten Flüchtlinge verlassen deshalb ihr Land, weil sie keinerlei Perspektiven sehen, laut Erös zu 50 % verursacht durch den Westen.

Ein einschneidendes Datum sei für ihn der 11. September 2001 gewesen, sagte Erös. Obwohl bei den Anschlägen in New York kein einziger Afghane unter den Tätern war, rückten wenige Tage später die USA und mit ihnen die Nato in Afghanistan ein und begannen einen Krieg gegen das Land, nur weil die Taliban keine von den USA als Terroristen definierte Landsleute ausliefern wollten. Als dann Bundeskanzler Schröder seine „uneingeschränkte Solidarität“ mit den USA erklärte, verließ Erös die Bundeswehr und gründete die „Kinderhilfe Afghanistan“. Ohne öffentliche Unterstützung, rein aus Spendengeldern errichtete und betreibt die Initiative seit 2002 mittlerweile 30 Schulen, 16 davon für Mädchen mit insgesamt 60.000 Schülern und etwa 1.400 LehrerInnen, alles jeweils mit dem Einverständnis der Religiösen, also der Taliban. Das neueste Projekt ist der Bau einer hervorragend ausgestatteten und funktionierenden Deutsch-Afghanischen-Friedens-Universität. Daneben betreibt die Kinderhilfe Afghanistan zahlreiche weitere Projekte im Bereich Bildung, Überlebenshilfe und medizinischer Versorgung.

Die Politik beschäftigt sich nach Ansicht von Reinhard Erös viel zu wenig vorausschauend mit der Flüchtlingsfrage, denn aus Afrika sind künftig unvorstellbare Flüchtlingsströme zu erwarten. Der Kriegseinsatz der Nato, der mittlerweile 1,2 Billionen US-Dollar – bei einem Zehntel davon für zivile Aufbauhilfe – verschlang, hat nach Aussagen von Erös trotz massiver militärischer Überlegenheit das Gegenteil von dem erreicht, das er sollte. Die deutschen Soldaten sitzen und saßen dort überwiegend in Hochsicherheitslagern ohne Kontakt zur afghanischen Außenwelt. So verwundere es nicht, dass die Region Kunduz, in der die deutschen Soldaten 14 Jahre lang agierten, eines der unsichersten Gebiete von Afghanistan ist. Das hindert allerdings den ranghöchsten deutschen General dort nicht zu sagen: „Unser Einsatz in Afghanistan war erfolgreich.“ Sein amerikanisches Gegenüber allerdings wertete die „Erfolgsbilanz“ als eine Katastrophe.

In der Flüchtlingsfrage macht nach Darlegung von Dr. Reinhard Erör die deutsche Politik viele Fehler. Einer davon ist beispielsweise, dass man die Flüchtlinge hier Deutsch lernen lässt, es aber unterlässt, dass sie auch im Gebrauch ihrer Muttersprache unterrichtet werden müssten. Denn man will sie ja zurückschicken und dann finden sie sich dort nicht mehr zurecht. Viele Afghanen gehen aus ihrem Land weg, weil der Westen nicht erfolgreich war, im Gegenteil mehr Tote verursachte als die Taliban. Als eklatantes Beispiel nannte Erös den 29. September 2015, als die US-Luftwaffe entgegen den Regeln der westlichen Welt ein Krankenhaus bombardierte.

Seine Motivation ergibt sich aus der Erkenntnis, dass Frieden durch Bildung entsteht, nicht durch Soldaten und Waffen

Erös zeigte viele Hintergründe auf für die Fluchtursachen, die da sind schlechte Landwirtschaft, defizitäres Schulsystem, extrem hohe Arbeitslosigkeit und keine Berufsausbildung. Dagegen zu setzen wäre Schulbildung, Berufsausbildung, medizinische Versorgung und vor allem, dass man den Menschen Lebensperspektiven gibt. Darauf hat er sein Projekt „Kinderhilfe Afghanistan“ abgestimmt. Es werden keine ausländischen Spezialisten beschäftigt, die einheimischen erhalten ortsübliche Gehälter, der sonst in Afghanistan üblichen hohen Korruption wird keine Chance gegeben.

Es ist nicht nur Wissen, sondern eigenes Erleben, das Erös mit fast charismatischer Wirkung rüberbringt. Wenn die Sprache auf Politiker und ihre Unkenntnis und ihr Desinteresse an Afghanistan kommt, macht er seinem Ärger Luft, hinterleuchtet kritisch, ist klar und überzeugend in seinen Aussagen. So berichtet er, dass er in den letzten Jahren etwa 3.500 Vorträge gehalten hat, 68o davon an Gymnasien, um junge Menschen für politisches Engagement zu gewinnen.

Am Schluss des überreichte Franz-Josef Selig seitens des Weltladens Haßfurt eine Spende in Höhe von 500 Euro, ÖDP-Kreisvorsitzender Stefan Zettelmeier ein respektables Sammelergebnis des Abends. Wer die „Kinderhilfe Afghanistan“ unterstützen möchte, kann dies über das Spendenkonto tun: LIGA Bank Regensburg, I-Ban DE 0875090300000132500. Weitere Informationen können über www.kinderhilfe-afghanistan.de gewonnen werden. Auch der Erlös aus dem Verkauf von zwei von Dr. Reinhard Erös verfassten Büchern fließt in die Hilfe: „Tee mit dem Teufel“ und „Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen“.



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